Marathon Long COVID – nach einem Jahr Krankheit zurück zum Ironman-Niveau

Marathon Long COVID – nach einem Jahr Krankheit zurück zum Ironman-Niveau

Der 32-jährige Architekt und Sportler Roman Schöggl wurde von Long COVID beinahe ein Jahr lang ausser Gefecht gesetzt – und kämpfte sich zurück auf 100%.

Als Roman Schöggl im März 2022 akut an Covid-19 erkrankte, habe er mit einem normalen Infekt gerechnet: Nach fünf Tagen Erkältungssymptomen und neun Tagen Quarantäne sei es für ihn selbstverständlich gewesen, mit seinem normalen Programm weiterzumachen. Für Roman bedeutete das: 40 Kilometer Rennrad fahren mit seiner Freundin Natalie und kurz darauf wieder zurück zu den winterlichen Skitouren. Doch noch vor Erreichen der ersten Höhenmeter machte ihm der überstanden geglaubte Infekt einen Strich durch die Rechnung: Roman musste aufgrund schwerer Kurzatmigkeit die Ski abschnallen und den Weg nach Hause antreten.

«Nach dem zweiten Crash kamen die schwersten Tage meines Lebens»

3 Wochen nach positivem PCR-Test suchte er seine Hausärztin auf. Nach 750 Meter zu Fuß zur Praxis sei der 32-Jährige dort kollabiert und ins Klinikum gebracht worden. Dort sei bis auf einen peripheren Bronchospasmus (eine krampfhafte Verengung der Bronchialäste) im CT nichts gefunden worden.

2022.05.30 Reha Beginn

Bild Reha Beginn ODER Reha Übungen: Im Juni 2022 konnte Roman Schöggl eine ambulante Reha-Therapie in Innsbruck beginnen. (Bild: Privat)

Er berichtet von schwerer Atemnot , Kurzatmigkeit und Schwäche, die ihn zur Ruhe zwangen, bis er  langsam wieder glaubte fit genug zu sein, um einen gemeinsamen Termin mit seinem Vater wahrzunehmen.

Als er dort ein weiteres Mal kollabierte, wurde er wieder in die Notfallaufnahme der Klinik eingeliefert und umfangreich medizinisch behandelt. Bis auf die symptomatische Linderung der akuten Atemnot habe man aber keine langfristigen Lösungen finden können.

. Bis auf die symptomatische und mässig erfolgreiche Therapie der akuten Atemnot habe man ihm nicht langfristig helfen können. Die folgenden Monate verbrachte Roman in seiner Wohnung. Telefonieren, sprechen, gehen - jegliche Anstrengung sei ihm unmöglich gewesen. Nach diesem zweiten Kollaps begannen die schwersten Tage seines Lebens, erzählt Roman.

Enge Bezugspersonen gaben Roman Halt

In dieser Zeit kümmerten sich seine Freundin Natalie und sein Freund Lukas rührend um ihn. «Ohne die Beiden hätte ich das nicht geschafft.», berichtet Roman. Natalie habe unbezahlten und Pflegeurlaub genommen, um bei ihm bleiben zu können. Sie übernahm die Korrespondenz zur Aussenwelt, recherchierte und las viel über Long COVID. Mit ihrer Hilfe kämpfte Roman täglich um Zuversicht und klammerte sich an das Credo «Es geht irgendwann weg, es dauert einfach». Unter anderem auf der Altea-Plattform fanden die beiden Informationen und Motivation – die positiven Erfahrungsberichte von anderen Patienten haben ihm in schweren Phasen Mut gemacht, berichtet er.

«Die erste Autofahrt zur Reha-Klinik, die ich wieder allein geschafft habe, war ein Highlight!»

Mit einer Ernährungsumstellung, Nahrungsergänzungsmitteln, Atemtherapie, der Wim Hof Methode und strukturiertem   Pacing  habe Roman die Tage bestritten, an denen sogar das Ansehen eines Fussballspiels im Fernsehen zu stressig gewesen sei. Dieses Programm setzte er auch fort, als er im Juni eine ambulante Reha-Therapie beginnen konnte. «Es war ein riesiger Schritt, als ich das erste Mal allein mit dem Auto zur zweieinhalb Kilometer entfernten Reha-Klinik fahren konnte», berichtet er und lächelt bei dem Gedanken an die SMS, die er damals an seine Freundin schickte: «Bin gut angekommen.» In der Reha-Klinik habe ihm ein strukturiertes Atemmuskeltraining geholfen - von anfänglichen 30% Muskelkapazität habe er so wieder knapp 95% erreichen können. «Mittlerweile kann ich die Luft länger anhalten als je zuvor – bis zu vier Minuten.», berichtet der Architekt.

Unterstützung für physische und psychische Gesundheit in der Reha-Klinik

Dort habe er auch Unterstützung bei der Bewältigung der mentalen Folgen dieser Zusammenbrüche gefunden. Gemeinsam mit Psychologen konnte Roman aufarbeiten, was ihm widerfahren war: Als gesunder, junger Mensch, der arbeitet, Theater spielt, gerne ausgeht, in Vereinen tätig ist und als sportliche Höchstleistung noch ein halbes Jahr zuvor einen Ironman in 12 Stunden und 26 Minuten bestritten hatte, plötzlich und unmittelbar aus dem Leben gerissen worden zu sein: «Ein Ironman ist ein Klacks dagegen», sagt er.

2021.09.19   Ironman Klagenfurt

Bild Ironman Klagenfurt: Roman Schöggl im Ziel des Klagenfurter Ironman, den er 6 Monate vor seiner Long COVID-Erkrankung in 12:26 Stunden absolvierte. (Bild: Privat)

Knapp sieben Monate habe Long COVID sein Leben beherrscht, 250 Tage habe Roman 2022 im Krankenstand verbringen müssen. Obwohl sein Beruf als Architekt ihm Spass gemacht hatte, entschied der 32-Jährige im Sinne eines Neuanfangs nach der Krankheit einen Quereinstieg zu wagen: Aktuell unterrichtet er in der Sekundarstufe. Die Arbeit mit jungen Menschen, etwas vermitteln zu dürfen und ganz neu anzufangen – das brauchte er nach Long COVID.

Mit einer «Bucket-List» in die Zukunft nach der Krankheit

Während der Reha-Therapie hatte er sich sieben Ziele für die Zeit nach Long COVID gesetzt, von denen er bereits vier erreichen konnte. Obwohl diese Unternehmungen während der Krankheit unerreichbar schienen, gaben sie ihm Kraft und Durchhaltevermögen, so Roman. Sein erstes Ziel war eine Wallfahrt nach Absam in Tirol. Dieses Vorhaben rühre von seinem Hobby, dem Theaterspielen her: Die Wallfahrt nach Absam kommt in dem Stück, das die Gruppe zum Zeitpunkt seines ersten Zusammenbruchs gerade aufführte, vor. Neben seinen engsten Bezugspersonen habe auch die Theatergruppe Mut und Kraft gespendet: «Dieses Stück führen wir mit Dir oder mit keinem auf.» zitiert Roman die Gruppe.

2022.08.23   Absam

Bild Absam: Nr. 1 auf der «Bucket List» von Roman Schöggl: Nach Long COVID allein eine Wallfahrt nach Absam unternehmen. (Bild: Privat)

Der siebte Punkt seiner «Bucket List» ist die erfolgreiche Teilnahme an einem weiteren Ironman, für den er aktuell wieder trainiert. «Jede und jeder kann es schaffen, weil auch ich es geschafft habe », gibt Roman anderen Long COVID-Betroffenen mit auf den Weg.

Am 31. Dezember verabschiedete er sich endgültig vom Jahr 2022 und von diesem Kapitel seines Lebens. Heute geht es ihm wieder so gut wie vor der Infektion, berichtet er. Für sein Leben nach Long COVID habe er einiges mitnehmen können: Er betrachte seine Leistungsfähigkeit nun differenzierter und gehe mit Grenzen anders um. «Vor Long COVID war meine Grenze der Ironman. Währenddessen war es an manchen Tagen schon zu viel ein einzelnes Glas aus der Spülmaschine auszuräumen.» Beide Male sei es ein Erfolgserlebnis gewesen, diese individuelle Grenze zu erkennen und zu akzeptieren. Dies ist auch Voraussetzung für die Methode des Pacings: Die Belastung der aktuellen Verfassung anpassen und dabei nicht zu weit gehen. Genau das rät Roman anderen Betroffenen: Die eigenen, neuen Grenzen in dem Moment zu akzeptieren und kleine Erfolgserlebnisse wahrzunehmen. «Positiv nach vorne blicken und immer die Hoffnung behalten. Zuversicht, Glaube an Selbstheilung und konstant an noch so kleinen Zielen festhalten bringen Dich voran: Manchmal zwar nur langsam, aber dafür immer stetig! Long COVID ist schließlich eine echte Langdistanz.»

So funktioniert die Wim-Hof-Methode
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