27.12.2021

Alba Rossi* arbeitete als Kosmetikerin im Zentrum von Rom. Ihre Krankheitsgeschichte beginnt an einem Tag im Juli 2021, an dem sie mit starken Halsschmerzen und Fieber aufwacht. Noch am selben Tag wird ein Coronatest gemacht, der positiv ausfällt. Die Symptome von COVID-19 können bei jedem Menschen unterschiedlich sein; für Alba hat es verheerende Auswirkungen. Eine Woche lang sinkt das Fieber nicht unter 39,9 Grad und Alba nimmt fünf Kilo ab. Von da an beginnt eine Tortur mit 20–30 verschiedenen Symptomen, die sich über einen Monat lang abwechseln. Zu den betroffenen Organen zählen auch Lunge und Darm, die mit Cortison behandelt werden müssen. Und auch psychisch geht es ihr nicht gut: Die Atemnot und die damit einhergehenden klaustrophobischen Zustände machen ihr Angst. Isolation und Einsamkeit hinterlassen unsichtbare, aber dennoch schmerzhafte Spuren. Albas Testergebnis bleibt 35 Tage lang positiv, wodurch sie zwei ganze Monate in Isolation verbringen muss.

«Corona geht an die seelische Substanz, versetzt dich in Angst und Schrecken und hinterlässt Narben im Inneren.»

Der Genesungsprozess dauert lange. Die Symptome verschwinden nur sehr langsam. Was folgt, ist starke Müdigkeit. Mit negativem Testergebnis kehrt Alba trotz anhaltender Kurzatmigkeit und Müdigkeit an ihren Arbeitsplatz zurück. Alba strengt sich an, muss aber Pausen einlegen, um Luft zu bekommen und ihre Schmerzen zu lindern. Ihre Kollegen wissen jedoch nicht, was es heisst, so müde und erschöpft zu sein; sie sehen nicht, welch grosse Schmerzen ihre Sehnen ihr bereiten, und geben sich auch keine Mühe, ihre Situation zu verstehen.

Die körperliche und psychologische Belastung zwingt die Vierzigjährige, ihren (eigentlich sicheren) Job zu kündigen, bei dem sie sich ursprünglich infiziert hatte. Alba erzählt: «Ich musste mein Leben neugestalten, mir überlegen, welcher Art von Arbeit ich jetzt nachgehen könnte, immer mit der Angst, es nicht zu schaffen.»

«Nach dem Coronavirus gibt es noch ein Ungeheuer, das uns heimsucht: die Ignoranz.»

«Vor Corona stand ich mit beiden Beinen im Leben – das ist heute anders.» Einst heiter und fröhlich, hat sich Alba durch ihre seelische Verfassung zu einer stillen und zurückhaltenden Person entwickelt, die sich weitgehend sozial isoliert. «Ich bin immer auf der Hut.» Wenn sie COVID-19 erwähnt, erstarren die Leute, treten einen Schritt zurück und scheinen zu denken: «Bleib bloss weg von mir». Über Long COVID redet dagegen kaum jemand: «Keiner erzählt dir von Long COVID; keiner warnt dich davor, was dir passieren könnte», sagt Alba. Auch Albas finanzielle Situation ist schwierig: Sie ist arbeitslos und lebt von ihren Ersparnissen.

«Keiner erzählt dir von Long COVID; keiner warnt dich davor, was dir passieren könnte.»

«Das einzig Gute an der Geschichte ist, dass du erkennst, welche Leute es wirklich gut mit dir meinen und wer deine wahren Freunde sind», sagt Alba. Alba stammt ursprünglich aus Umbrien und hat keine Familie in Rom. Nur mit Hilfe ihrer Mitbewohnerin und weniger echter Freunde gelang es ihr, die Isolation zu überstehen und Kraft zu schöpfen. Ausserdem hatte Alba das Glück, einen fürsorglichen und verständnisvollen Arzt zu haben, den sie als «Engel» bezeichnet. «Mein Arzt hat mich immer unterstützt; wir blieben über Videoanrufe in Kontakt. Manchmal rief er mich sogar während seiner Freizeit vom Strand aus an», erinnert sich Alba.

Alba versucht, positiv zu bleiben, auch wenn die Symptome noch nicht völlig verschwunden sind. Neben ihren Freunden holt sich Alba bei einer Online-Gruppe Unterstützung, in der sie sich Luft machen kann, Ratschläge bekommt und Mitgefühl findet. Alba kämpft heute Schritt für Schritt gegen die Langzeitfolgen von COVID-19: «In Rom sagt man: ‹piano piano s’è fatta Roma› (‹immer mit der Ruhe›). Genauso lebe ich und bewahre ich mein Vertrauen.» Es bedarf also vieler kleiner Schritte und Siege, um Long COVID in den Griff zu bekommen.

*Name geändert; richtiger Name der Redaktion bekannt

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