15.06.2021

«Tim* war immer ein sehr guter, fleissiger Schüler», sagt seine Mutter, «heute ist oft eine Lektion aus dem Fernunterricht zu anstrengend.» Die Gefahr, dass Tim zu viel vom Unterricht verpasst und eine Klasse wiederholen muss, bereitet der Familie Sorge. «Das wäre für ihn das Schlimmste», gibt Claudia Stettler* zu bedenken. Sie versucht deshalb, ihrem Sohn zu Hause so viel wie möglich selbst beizubringen. Wann immer möglich, lernen sie zusammen Mathe, Englisch und Deutsch.

Schule zeigt sich flexibel

«Die Schule war von Anfang an sehr verständnisvoll und hat uns alle Unterrichtsmaterialien mit nach Hause gegeben». Auch der Fernunterricht funktioniere flexibel. Wenn Tim sich fit genug fühle, daran teilzunehmen, reiche ein kurzer Anruf an die Lehrerin und schon sei er mit dabei. Das schafft er zurzeit etwa zweimal pro Woche. Oft sind die Kopf- und Gliederschmerzen aber einfach zu stark.

«Wichtig ist, dass man lernt, Long COVID zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen.»

Spielerische Therapie tut gut

Tim geht aktuell dreimal pro Woche in die Physiotherapie. Das gebe ihm etwas Struktur zurück in den Alltag und tue ihm sehr gut – auch weil es zwischen dem Physiotherapeuten und Tim zwischenmenschlich super funktioniere. «Der Therapeut gestaltet die Stunden sehr spielerisch. Es ist schön, ihnen zuzusehen.»

Auch wenn Tim selbst noch nichts davon spürt, haben sich seine Pulswerte in den letzten Wochen etwas verbessert. «Zuvor schnellte sein Puls bei der leichtesten Tätigkeit im Handumdrehen auf das Niveau eines Sportlers beim Intervalltraining», erklärt Stettler. «Dennoch ist es nicht leicht, die richtige Balance zu finden. Nur ein bisschen zu viel Anstrengung, und es kippt gleich in eine sehr grosse Erschöpfung.»

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Herausforderung: Alleinsein

Eine weitere Herausforderung ist das Alleinsein, gleich in zweierlei Hinsicht: Erstens ist man als Long-COVID-Betroffener im Alltag oft allein, und zweitens gibt es bis jetzt (zum Glück) nicht viele bekannte Fälle von Kindern, die an Long COVID erkrankt sind. Auch damit fühlt man sich ein wenig alleingelassen. Umso grösser war die Freude, als vor ein paar Tagen die ganze Klasse vor der Tür stand, um «Hallo» zu sagen. «Das war eine wunderbare Überraschung!», berichtet Stettler. Genau solche kleinen Gesten sind es, die auch Tims Mutter im Alltag einzubauen versucht. So gehen sie zum Beispiel zusammen zum Coiffeur, hängen die Hängematte im Garten auf, holen einen Cheeseburger bei Mc Donalds oder laden einen Freund nach Hause ein. Damit möchte sie ihrem Sohn etwas «Abwechslung und ein Stück Normalität geben».

Bisher gibt es erst wenig bekannte Fälle von Kindern mit Long COVID. Entsprechend dürftig seien auch die Informationen zum Thema, so die Mutter. Stettler liest deshalb viele Artikel und sucht sich die Informationen selbst zusammen. So sei sie auch auf Altea gestossen und habe mit Angelina Brupbacher und Sohn Mattia Kontakt aufgenommen. «Die beiden Kinder verstehen sich super! Sie haben sich zwar noch nie live gesehen, chatten aber gerne miteinander. Einmal haben sie sogar zusammen ein Computerspiel gespielt. Und auch für mich ist der Austausch mit Angelina sehr wertvoll.»

«Die Freude war gross, als die ganze Klasse vor der Tür stand, um ‹Hallo› zu sagen.»

Genug von allem

Seit dem 16. Februar 2021, dem Tag als alles begann, sind nun fast vier Monate vergangen. «Am Anfang denkt man, das darf nicht wahr sein. Dann wünscht man sich, dass es aufhört. Aber wichtig ist, dass man lernt, es zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen.» Für Tim geblieben sind Kopf- und Gliederschmerzen sowie die starke und schnelle Ermüdung. «Ich fühle mich immer so, als wäre Mitternacht», beschreibt der 10-Jährige seinen Zustand. Seine Mutter sagt: «Ich bewundere Tim, wie er das alles aushält und wie geduldig er ist.» Dennoch hat der 10-Jährige langsam, aber sicher genug von allem.

Man muss trotz allem optimistisch bleiben, ist Stettler überzeugt. Die Familie spricht offen über neue Erkenntnisse, Möglichkeiten und damit verbundene Risiken. Offenheit ist sehr wichtig, glaubt Claudia Stettler.«Kinder wissen oft am besten, was ihnen guttut.»

 

*Name geändert, richtiger Name der Redaktion bekannt

Anonymität bei Altea

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Manche Betroffene wünschen sich, anonym zu bleiben. Sie fürchten eine Stigmatisierung, zum Beispiel Nachteile in der Schule oder am Arbeitsplatz.

Bei Altea respektieren wir dieses Schutzbedürfnis und veröffentlichen diese Geschichten unter einem Pseudonym. Wir kennen die richtigen Namen und können durch persönliche Gespräche bezeugen, dass es sich um echte Personen und Geschichten handelt.

Wir sind überzeugt, dass diese Geschichten wichtig sind und es verdienen, gehört zu werden. Je mehr Wissen über Long COVID vorhanden ist, desto weniger Nährboden gibt es für Stigmatisierung.