Tom Kobel

Tom Kobel
06.10.2021

In Deutschland und Italien sind in den letzten Wochen medizinische Long-COVID-Leitlinien publiziert worden. In einer Zeit der Unsicherheit, wo definitive Studienresultate noch fehlen, ist das für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte eine wesentliche Hilfestellung.

Auch für Betroffene von Long COVID ist das hilfreich: In Deutschland wurde im September eigens eine Patienten-Leitlinie veröffentlicht.

Fachpersonen bekommen damit eine überprüfte Zusammenfassung des aktuellen Wissens, der Symptome, der Studienlage und der Behandlungsoptionen.

Derartige Leitlinien dienen als wertvolle Orientierungshilfe und bringen verschiedene Vorteile mit sich: Sie sind gut lesbar, verständlich und kompakt. Dank weiteren Literaturhinweisen sind sie trotzdem umfassend, und sie beinhalten klar gekennzeichnete Empfehlungen. Als «living guidelines» werden sie periodisch überarbeitet.

Die deutsche Leitlinie ist nach Fachbereichen gegliedert. Es werden also etwa allgemeinmedizinische, kardiologische, neurologische oder pädiatrische Aspekte behandelt. Für Fatigue und Schmerzen gibt es je ein separates Kapitel. Für jeden Fachbereich sind ausserdem offene Fragen und damit derzeitige Wissenslücken benannt.

Noch keine Schweizer Publikation

In der Schweiz ist uns noch keine publizierte Leitlinie einer Fachgesellschaft bekannt. Das Ärztenetzwerk mediX hat ein Factsheet mit einer Übersicht über Symptome, Diagnostik, Warnsignale und mögliche Interventionen veröffentlicht. Derzeit in Arbeit sind Empfehlungen für die versicherungsrechtliche Begutachtung von Long-COVID-Fällen.

Leitlinien in zwei Sprachen

Einblenden Ausblenden

Leitlinien aus Deutschland:

Leitlinien aus Italien:

Bei der Patienten-Leitlinie sind die Autoren zum Teil selbst betroffene Ärztinnen und Ärzte. Zudem haben Selbsthilfegruppen wesentlich zur Entstehung beigetragen. Mit Fragen wie «Was ist Fatigue und was kann ich dagegen unternehmen?» oder «Nach körperlicher oder mentaler Belastung geht es mir kurze Zeit später plötzlich sehr schlecht. Wie kommt das und wie kann ich damit umgehen?» ist die Patienten-Leitlinie sehr alltagsnah gestaltet. Zudem steht ein Glossar zur Verfügung.

Absender der beiden Deutschen Leitlinien ist die «Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften» (AWMF). Die AWMF koordiniert in Deutschland die Entwicklung von wissenschaftlichen Leitlinien für Diagnostik und Therapie.

Wer hat mitgearbeitet?

Einblenden Ausblenden

In Deutschland haben sich die folgenden Fachgesellschaften an der Ausarbeitung der Leitlinien beteiligt (in der Reihenfolge der Kapitel):

  • Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP)
  • Deutsche gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)
  • Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
  • Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM)
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK)
  • Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation (DGNR) und Redaktionskomitee S2k‑LL SARS-CoV-2, COVID-19 und (Früh-) Rehabilitation
  • Berufsverband der Pneumologen (BdP)
  • Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS)
  • Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI)
  • Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (DGPP)
  • Paul Ehrlich Gesellschaft für Chemotherapie e.V. (PEG) / Sektion Infektiologie
  • Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V.
  • Österreichische Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP)
  • Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM)
  • Charité Fatigue Centrum
  • Deutsche Schmerzgesellschaft
  • Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
  • Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie
  • Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, Chronisches Fatigue Centrum

Das Expertengremium betont einleitend, dass Long COVID ein komplexes Krankheitsbild sei, das «eine interdisziplinäre Herangehensweise mit Blick auf den ganzen Menschen, sowie eine Kontinuität in der Versorgung» erfordere.

Bisher keine klaren Biomarker

Ausserdem hält das Dokument fest, dass Long COVID derzeit weder durch eine einzelne Laboruntersuchung noch durch eine bestimmte Auswahl von Laborwerten diagnostiziert bzw. objektiviert werden könne. Entsprechend sei jeweils auch die Möglichkeit anderer Ursachen für die Beschwerden zu bedenken und ggf. auszuschliessen.

Umgekehrt schliessen auch unauffällige Laborwerte ein Long-COVID-Syndrom keineswegs aus. Die Diagnose von Long COVID bleibt eine komplexe Angelegenheit.