Tom Kobel

Tom Kobel
10.05.2021

Immer wieder berichten Betroffene von Long COVID, dass sich ihre Symptome nach einer COVID-19-Impfung zum Teil drastisch verbessert haben oder sogar ganz verschwunden sind. Laut einer Schätzung der Universität Yale berichten 30-40% der Betroffenen von einer Symptomverbesserung. Was ist dran an diesen Berichten, und worauf könnte ein therapeutischer Effekt zurückzuführen sein? Wir haben bei Jan Fehr nachgefragt, dem Leiter des Referenz-Impfzentrums des Kantons Zürich.

Jan Fehr, es gibt noch keine grösseren Studien zu einem möglichen therapeutischen Effekt des Impfens. Was lässt sich trotzdem schon sagen?

Es gibt bisher eine Studie aus Grossbritannien. Diese ist aber noch nicht begutachtet, und sie hat vor allem die Frage untersucht, ob die Impfung riskant ist, wenn man Long COVID hat. Diesbezüglich liefert die Studie klare Hinweise, dass es kein grösseres Risiko gibt als für den Rest der Bevölkerung. In diesem Sinne kann eine COVID-Impfung nach ausführlichem Gespräch angeboten werden.

Zu den therapeutischen Effekten gibt es bisher vor allem Berichte von Betroffenen, die für uns sehr wertvoll sind. Wahrscheinlich ist da schon etwas dran. Zahlen zu einem möglichen Effekt möchte ich aber keine nennen, das ist noch zu unsicher.

Zur Person

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Jan Fehr (48) ist Professor für Gesundheit und Reisen an der Universität Zürich. Er hat je einen Facharzttitel in Infektiologie und in Allgemein-Innerer Medizin und ist Leiter des Departements Public & Global Health. Zu seinem Departement gehört auch das Referenz-Impfzentrum des Kantons Zürich.

Wann rechnen Sie denn mit belastbareren Ergebnissen?

Das wird keine Ewigkeit mehr dauern. Ich gehe davon aus, dass wir in einem Vierteljahr oder einem halben Jahr viel bessere Daten haben werden. Professor Akiko Iwasaki hat dazu an der Universität Yale eine grosse Studie lanciert. In den USA will das nationale Gesundheitsinstitut über eine Milliarde Dollar in die Erforschung von Long COVID investieren. Da passiert gerade einiges.

«Wahrscheinlich ist da schon etwas dran.»

Man darf aber nicht vergessen, dass Long COVID ein sehr komplexes Phänomen ist. Es gibt deshalb auch noch keine allgemein verabschiedete Definition von Long COVID, was natürlich eine weitere Herausforderung darstellt. Entsprechend existieren keine einzelnen Parameter, auf die man sich stützen könnte. Wir haben es mit einem Puzzle zu tun, so dass die Diagnose erst möglich ist, wenn verschiedenste Teile zu einem Gesamtbild zusammenpassen.

Gewisse Symptome sind auch schwierig fassbar, wie etwa die Fatigue. Es ist nicht die Frage, ob sie da ist, sondern: Wie misst man sie? Es gibt ganz verschiedene Ausprägungen, und das individuelle Erleben ist auch sehr unterschiedlich. Das ist eine methodische Herausforderung für die Forschung, denn Wissenschaft basiert ja auf Vergleichbarkeit.

Jan Fehr

Welcher Mechanismus könnte denn dahinterstecken, dass es manchen nach der Impfung besser geht?

Dazu gibt es verschiedene Thesen. Bildlich gesprochen: Es könnte sein, dass sich das Immunsystem irgendwann nach der Infektion «aufhängt». Wie wenn beim Computer oder Smartphone das Rädchen ewig dreht und nichts mehr geht. Das könnte daran liegen, dass noch Viruspartikel oder versteckte Reservoirs von SARS-CoV-2 vorhanden sind, die zu einer chronischen Stimulation führen. Das Immunsystem wird so permanent getriggert, und der letzte Schritt, um die Infektion zu überwinden, findet nicht statt. Oder das Immunsystem ist aus der Balance und kommt in einen Autoimmunzyklus.

Was nun die Impfung bewirken könnte: Entweder entfernt sie die versteckten Reservoirs oder Partikel und damit die permanente Stimulation des Immunsystems, oder sie provoziert eine sogenannte Immunmodulation. Die Impfung aktiviert das Immunsystem neu und bringt es in die richtigen Bahnen zurück. Wie ein Neustart beim Computer.

«Die Impfung könnte das Immunsystem wieder in die richtigen Bahnen lenken. Wie ein Neustart beim Computer.»

Kennt man das denn von anderen Krankheiten, dass eine Impfung auch einen therapeutischen Effekt haben kann?

Etwas Vergleichbares ist mir bisher so nicht bekannt. Aber bei Long COVID ist nicht davon auszugehen, dass hier das eigentliche Infektionsgeschehen im Vordergrund steht, sondern vielmehr ein nachfolgendes immunologisch getriggertes Geschehen. Angestossen wird es von der Infektionskrankheit, aber danach läuft etwas anderes ab. Insofern ist der Vergleich mit anderen Impfungen sowieso schwierig.

Zu den ganz konkreten Fragen: Spielt es eine Rolle, welchen Impfstoff man bekommt?

Dazu gibt es noch keine Daten. Die Studie aus Grossbritannien fand keinen Unterschied zwischen AstraZeneca und Pfizer/Biontech. Aber die Anzahl der Studienteilnehmenden ist zu klein, um daraus Schlüsse ziehen zu können.

Wann sollte man sich impfen lassen, und wie oft?

Die Empfehlung der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) besagt: Wer eine COVID-19-Infektion schon durchgemacht hat, sollte sich 6 Monate nach der Infektion impfen lassen, und zwar mit einer einfachen Dosis. Wer ein erhöhtes Risiko hat, kann sich schon nach drei Monaten impfen lassen.

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Warum denn erst nach 6 Monaten?

Die Impfreaktion ist deutlich heftiger, wenn sie näher an der durchgemachten Infektion liegt. Deswegen ist es empfehlenswert, nach einer Infektion mit Impfen etwas zuzuwarten. Wenn jemand die Impfung schon früher möchte, schicken wir die Person aber nicht weg, sondern diskutieren es und weisen auf die Risiken hin. Manche entscheiden sich dann fürs Warten, andere wollen die Impfung trotzdem schon früher haben.

Und warum nur eine Impfdosis? Könnte eine zweite Dosis gerade bei Long COVID nicht hilfreich sein?

Aus epidemiologischer Sicht ist eine zweite Impfung für Personen, die infiziert waren, nicht notwendig.

«Gemäss Studien ist die Impfantwort nach durchgemachter Infektion bereits mit einer Dosis sehr deutlich. Mit einer weiteren Dosis wird sie kaum mehr relevant gesteigert. »

Wer infiziert war und eine Impfdosis bekommen hat, hat einen Schutz, welcher robust ist, analog denen, die sich nicht infiziert haben und zweimal geimpft sind.

In Ausnahmefällen kann es Argumente für eine zweite Impfung auch bei Infizierten geben, wie z.B. regulatorische Auflagen für die Einreise in ein anderes Land. Deshalb schauen wir jeweils den Einzelfall genau an. Wir schicken die Leute nicht einfach weg, wenn aus speziellen Gründen auch noch eine zweite Impfung zur Debatte steht. Wir empfehlen es aber nicht aktiv und besprechen diese Spezialsituation 1:1 mit den Personen.