Cathrin Moser

Cathrin Moser
27.10.2021

«Die wissenschaftliche Literatur berichtet seit 100 Jahren über Erkrankungen, die nach einer Infektion anhalten», sagt Anthony Komaroff, Arzt für innere Medizin an der Harvard Medical School in Boston, sinngemäss anlässlich eines Webinars von MEAction im März 2021. Nach einer Grippe leiden viele Menschen nach einer vermeintlichen Genesung noch Wochen oder Monate unter einer neurologischen Störung, Lungenentzündung oder sogenannter myalgischer Enzephalitis (ME), besser bekannt als chronisches Müdigkeitssyndrom oder Chronic Fatigue Syndrom (CFS). Das CFS kennen auch Patienten nach dem Kampf gegen das Epstein-Barr-Virus.

Auch bei anderen Atemwegserkrankungen – etwa durch herkömmliche Coronaviren – sind Langzeitfolgen ausserhalb der Lunge dokumentiert, zum Beispiel neurologische Störungen bei den Coronaviren OC43, HKU1 und anderen. Das Entero-Virus – unter anderem Auslöser für die unter jungen Kindern häufige Hand-Fuss- und Mundkrankheit (HFMK) – wiederum kann eine Gehirnhautentzündung verursachen.

Einsamer Mann Am See

Zehn bis zwölf Prozent sind von postviralen Symptomen betroffen

Es ist also nicht ungewöhnlich, dass eine Infektion langanhaltende Symptome auslöst. Eine Studie in Australien mit 253 Personen, bei denen bestimmte virale oder bakterielle Infektionen diagnostiziert worden waren, ergab, dass 12% nach sechs Monaten über anhaltende Symptome klagten: Müdigkeit, Schmerzen des Bewegungsapparats, neurokognitive Schwierigkeiten oder Stimmungsschwankungen.

Dieser Prozentsatz ähnelt auffallend der vom britischen Office of National Statistics (ONS) beobachteten Long-COVID-Prävalenz. Gemäss ONS-Angaben leidet etwa jeder zehnte genesene Patient noch mindestens drei Monate später an postviralen Symptomen.

Das Chronic Fatigue Syndrom (CFS)

Diese Langzeiterkrankung ist gekennzeichnet durch extreme Müdigkeit und Erschöpfung schon nach einer leichten Aktivität. Hinzu kommen oft weitere Beschwerden wie Kopfschmerzen, Gehirnnebel, schmerzende Gelenke und grippeähnliche Symptome.

Heute wird angenommen, dass Viruserkrankungen eine der Hauptursachen für ME/CFS sind. Die gute Nachricht: So unangenehm der Zustand auch ist, bei den meisten Menschen verschwindet er irgendwann.

Postvirale Müdigkeit ist ein häufiges Phänomen nach jeder Art von Virusinfektion.

«Kurzzeitig kann jede Virusinfektion eine Müdigkeit verursachen», wird auch der medizinische Berater der britischen ME Association, Dr. Charles Shepherd, zitiert. «Das ist extrem häufig.» Weniger häufig, aber nicht unüblich, seien Menschen, die nach einer Virusinfektion ein postvirales Müdigkeitssyndrom hätten, sowie weitere Symptome wie Hirnnebel, Grippe oder Drüsenprobleme.

Gleich und doch anders

Long COVID scheint also in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild der postviralen ME/CFS zu sein. Offenbar gibt es aber auch Unterschiede: Menschen mit Long COVID leiden zum Beispiel häufiger an Kurzatmigkeit als Menschen mit ME/CFS. Allerdings sind gewisse Befunde bei anderen Virusinfektionen nicht (derart gut) dokumentiert wie bei Long COVID, etwa Befunde bezüglich der Lungenkapillare. Die Erfahrungen mit Long COVID könnten deshalb helfen, Patienten mit anderen Atemwegsinfekten besser zu begleiten.

Long COVID und ME/CFS sollten gemeinsam erforscht werden.

Gemeinsame Forschung

Viele Fachleute sind ohnehin der Meinung: Long COVID und ME/CFS sollten gemeinsam erforscht werden. Und mit Start im Herbst 2021 planen Forschende in Grossbritannien eine solche Zusammenarbeit: Im Rahmen einer grossen Studie namens DecodeME soll bei 20’000 Menschen untersucht werden, inwiefern genetische Faktoren zu ME/CFS beitragen, und die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen einer anderen Studie, der Post-Hospitalisation-COVID-19-Studie (siehe Infobox), werden ihre Daten mit dem Team der DecodeME-Studie teilen. Das ist eine sehr positive Entwicklung.

The Post-Hospitalisation COVID-19 Study (PHOSP-COVID)

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Ein Konsortium aus führenden Forscherinnen und Medizinern in Grossbritannien will im Rahmen dieser Studie (PHOSP-COVID) 10’000 Patientinnen und Patienten, die mit bestätigter oder vermuteter COVID-19-Erkrankung hospitalisiert waren, ein Jahr lang beobachten. Dabei werden klinische Faktoren wie Bluttests und Scans analysiert sowie Daten zu Biomarkern gesammelt. Der Start der Studie ist auf Herbst 2021 geplant.