Tom Kobel

Tom Kobel
13.10.2021

Gregory Fretz ist einer der führenden Schweizer Experten für Long COVID (siehe Infobox «Zur Person»). In einem zweiteiligen Interview nimmt er Stellung zum aktuellen Stand der Forschung: einerseits zu den Ursachen von Long COVID, andererseits zu den Therapiemöglichkeiten. Im ersten Teil geht es um die Ursachen.

Gregory Fretz, was weiss man derzeit über die Ursachen von Long COVID?

Zunächst ist mir wichtig: Es gibt wahrscheinlich unterschiedliche Typen von Long COVID, die heute unter dem gleichen Namen zusammengefasst werden, aber verschiedene Ursachen haben. «Long COVID» ist ja ausschliesslich über die Dauer definiert: Wenn Symptome länger als 4 Wochen nach der Infektion noch anhalten. Es ist aber wichtig, dass wir nicht alle in denselben Topf werfen. Nur so können wir auch gezielt behandeln.

Zur Person: Gregory Fretz

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Gregory Fretz ist Internist und Lungenfacharzt und leitet am Kantonsspital Graubünden (KSGR) in Chur die Long-COVID-Sprechstunde. Bereits vor der COVID-Pandemie hatte Fretz die CFS-Sprechstunde (Chronic Fatigue Syndrome, chronisches Erschöpfungssyndrom) am KSGR geleitet. Auf die Erfahrungen mit CFS kann Fretz auch im Umgang mit Long COVID zurückgreifen.

Welche Typen sind das?

Es ist vielleicht eher ein Spektrum als klar abgrenzbare Typen. Auf der einen Seite des Spektrums stehen junge, gesunde Patientinnen, die nach einem leichten Verlauf plötzlich neurologische Symptome zeigen wie Fatigue, Erschöpfung nach minimaler Anstrengung (PEM), Schlaf- und Konzentrationsprobleme. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen ältere Patienten, die mit schwerem Verlauf auf der Intensivstation waren. Die muss man natürlich ganz anders behandeln.

Welche Thesen zu den Ursachen werden diskutiert?

Eine These besagt, dass wir es mit einer Art Neuro-Inflammation zu tun haben, also Entzündungsherden im Gehirn. Damit ist eine Fehlfunktion des autonomen Nervensystems verbunden, denn dessen Steuerzentrale sitzt im Gehirn. Das autonome Nervensystem steuert unsere autonomen Körperfunktionen wie Verdauung, Herzschlag und Atmung. Es sorgt auch dafür, dass wir uns krank fühlen, wenn irgendetwas nicht stimmt und wir Ruhe brauchen.

Bei Long COVID scheint nun das autonome Nervensystem dieses Krankheitsgefühl auszulösen, obwohl die Organe eigentlich gesund sind. Das Immunsystem reagiert dann weiterhin, obwohl es gar nicht müsste. Symptome wie plötzlich hochschnellender Puls, Verdauungs- oder Schlafprobleme deuten auf eine solche Dysautonomie hin, eine Störung in der automatischen Steuerung unserer Körperfunktionen.

«Womöglich richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper.»

Was könnte sonst noch dahinterstecken?

Diskutiert werden Autoimmunphänomene. In Laboruntersuchungen konnten sogenannte Autoantikörper nachgewiesen werden. Diese Antikörper werden vom Immunsystem produziert und richten sich gegen den eigenen Körper. Manche, aber wahrscheinlich nicht alle Patienten scheinen zu dieser Gruppe zu gehören. Diesbezüglich werden bereits Medikamente für eine Behandlung diskutiert, die in Einzelfällen gute Ergebnisse gezeigt haben. Diese Thesen, Neuro-Inflammation und Autoantikörper, müssen sich übrigens gegenseitig nicht ausschliessen.

Wie ist es mit dem Thema Durchblutung?

Man hat gesehen, dass es zu Durchblutungsstörungen und einer Beeinträchtigung der Mikrozirkulation, des Blutkreislaufs in den feinsten Gefässen, kommen kann. Möglicherweise wird das Endothel, die Auskleidung der Blutgefässe, in Mitleidenschaft gezogen. Diese Befunde könnten eine Folge der Neuro-Inflammation oder der Autoimmunstörung sein.

«Es ist nicht einfach, den Überblick zu behalten, aber es bewegt sich gerade sehr viel.»

Und die These zur Zellatmung bzw. den Mitochondrien?

Bei manchen Betroffenen funktioniert die Energiegewinnung in den Zellen nicht mehr richtig, die Zellatmung in den Mitochondrien. Dies kann man teilweise messen, das würde auch Symptome wie Muskelschmerzen erklären. Umstritten ist hingegen, ob das eine primäre Ursache der Beschwerden ist, oder eher eine Folge des gestörten Gleichgewichts im Immunsystem.

Das klingt noch nicht sehr übersichtlich…

Es gibt auch noch weitere Thesen, zum Beispiel, dass Virusreste oder Virusbestandteile das Immunsystem weiterhin triggern. Das würde erklären, warum die Impfung bei manchen einen therapeutischen Effekt haben kann. Es ist nicht einfach, den Überblick zu behalten, aber es bewegt sich gerade sehr viel.

«Long COVID ist ein komplexes Phänomen, das auch komplexe Antworten verlangt.»

Welche Relevanz haben diese Erkenntnisse für Ihre tägliche Arbeit?

Wahrscheinlich wird sich nicht eine These durchsetzen und alles erklären. Womöglich ist an allen etwas dran, und sie könnten auch zusammenspielen. Long COVID ist ein komplexes Phänomen, das auch komplexe Antworten verlangt.

Für uns spielt es eine grosse Rolle, zu verstehen, was bei welchen Patientinnen genau vorliegt. So können wir die Therapie möglichst gut auf den individuellen Fall abstimmen. Ich weiss, es wäre schön, wenn jemand käme und sagte: «Ich habe das Rätsel gelöst und Long COVID geknackt!» Aber das wage ich im Moment nicht zu hoffen. Es ist eher so, dass die Betroffenen eine individuell abgestimmte Behandlung bekommen werden, je nachdem, welche Vorgänge und Beschwerden bei ihnen im Vordergrund stehen.

Austausch zu Long COVID im Altea-Forum

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Für den direkten Austausch rund um Long COVID hat Altea ein Forum eröffnet. Angesprochen sind Betroffene von Long COVID, deren Angehörige, Ärzte, Forscherinnen, Therapeuten und weitere Interessierte.

Die Diskussionen befinden sich in einem geschützten Mitgliederbereich, der nach dem Erstellen eines Profils zugänglich ist. Diskutieren Sie beispielsweise über Veränderungen des Geschmacks- und Geruchssinns, Long COVID bei Kindern oder Tipps gegen Atemnot. Vorschläge für weitere Diskussionsthemen sind willkommen. Jetzt einloggen oder Profil erstellen »

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